Philosophisch-pädagogische Betrachtungen zum Do

Neben der Kunst, sich waffenlos, unter Zuhilfenahme aller Körperextremitäten, zu verteidigen, stellt Karate einen möglichen und alternativen Weg (japanisch: Do) dar, seine Gesamtpersönlichkeit körperlich und geistig zu formen und weiter zu entwickeln. Insider sprechen auch von der „körperlichen und geistigen Meisterung des Ichs“.

Dies geschieht durch fleissiges, regelmässiges und diszipliniertes Üben und Trainieren, unter Anleitung eines erfahrenen Meisters und Lehrers als Wegbegleiter (japanisch: Sensei).

Das angestrebte Reifen und Wachsen der Persönlichkeit während des Trainingsprozesses ist aber oft nicht gleich offenkundig. Nur die Einsicht, dass dies viel Geduld, Beharrlichkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erfordert, führt schliesslich zum persönlichen Erfolg.

Das Erlernen von Verteidigungs- und Angriffstechniken ist demnach nicht als vordergründiges Ziel zu betrachten, sondern quasi als das „Vehikel“ auf dem Weg der Reifung. Der „Weg“ (Do) als solches wird somit zum eigentlichen Ziel. Darin unterscheidet sich das Karate-Do vom Sportkarate, wo das Bestehen und die Profilierung in Wettkämpfen als angestrebtes Ziel anzusehen ist (äusserer Weg).

Im Karate-Do lernt man nicht in erster Linie andere, sondern im steten Üben sich selbst zu besiegen (innerer Weg) und - im tiefen Respekt vor dem Können des Lehrers und dem gemeinsamen Streben der Kameraden - in Demut sich selbst zu persönlicher Grösse und stets technischer Perfektion zu entwickeln.

Gichin Funakoshi Sensei, der Begründer des Karate-Do, hat das einmal so formuliert:

„Erkenne dich selbst, dann den anderen“.

Leistungsvergleiche und -überprüfungen (innerhalb eines eigenen Einstufungs- bzw. Graduierungssystems) sind nicht ausschliesslich Sichtbarmachung des persönlichen körperlichen Leistungsvermögens, sondern geben vor allem Aufschluss über den Reifungsgrad der inneren Haltung und Einstellung, sowie über die Fähigkeit und den Willen, ein konstruktives Mitglied einer Budo-Lerngemeinschaft zu sein, in der Geben und Nehmen im gemeinsamen Tun von grosser Bedeutung sind.

Die bewusste gegenseitige Unterstützung und das am asiatischen Kulturgut ausgerichtete Coaching durch den Meister oder die fortgeschrittenen Schüler sind die wesentlichen Kennzeichen einer Lerngemeinschaft, die durchaus noch mehr bieten kann, als das Erleben und Wertschätzen der dem Konkurrenzprinzip zugewandten sportlichen Tugenden einer typisch westlichen Gesellschaft. Das Lehrparadigma soll daher vordergründig nicht nur - wie im westlichen Kulturkreis üblich - wissenschaftlichen Kriterien genügen, sondern insbesondere den jeweiligen Meisterlehren einen grossen Anteil einräumen. Sie vermitteln personengebunden über Generationen hinweg erprobtes und bewährtes Wissen.

Ein auf tiefem Vertrauen und gegenseitiger Achtung gründendes Schüler-Lehrer-Verhältnis ist demnach unverzichtbarer und prägender Bestandteil der Weglehre. Dem Sensei fällt aufgrund seiner Erfahrung hierbei eine besondere Rolle zu. Als jemand, der auf dem Weg schon viel weiter vorangeschritten ist, kennt er die zu erwartenden Barrieren und Hürden und kann motivierend und beratend zur Seite stehen.

Dass eine Kampfkunst wie Karate nicht davon lebt, wenn man über ihr Theoriegebäude errichtet, hat Funakoshi Sensei schon deutlich zum Ausdruck gebracht:

„Trainiere nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herz“

Und Albrecht Pflüger Sensei, schwäbischer Karate-Pionier in Deutschland und u.a. Träger des 9. Dan-Grades, untermauert dies sinngemäss-humorvoll wenn er fordert

„Net schwätza, sondern oefach macha“

Diesen Prinzipien wollen wir folgen.
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